07.10.2020 Esther Reinwand

„Der Bausektor ist der entscheidende Faktor für den Klimawandel“

Christoph Jost, Geschäftsführer ProHolzBW

Minister Peter Hauk MdL

Prof. Schellnhuber, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

Temperaturmessen

Prof. Ludger Dederich, Hochschule Rottenburg

Moderation Christine Ryll, Architektin und freie Journalistin

Klaus Grübnau, architekturagentur Stuttgart

Jan Stöcker, Itten+Brechbühl Basel CH

Impressionen

Impressionen

Impressionen

Corona Selbstauskunft

SWATCH Headquarter in Biel, CH: Konstruktion aus 4.600 parametrisch geformten Holzträgern

Eine gelungene 42. Fachtagung Holzbau Baden-Württemberg

Ostfildern/Stuttgart, 07. Oktober 2020: Die obige Aussage von Prof. Schellnhuber steht exemplarisch für den kritischen Geist auf der 42. Fachtagung Holzbau Baden-Württemberg am 01. Oktober im Hospitalhof Stuttgart: Mit 184 Teilnehmern, 10 Referenten, hoch-inspirierenden Vorträgen und 23 namhaften Ausstellern war die Fachtagung Holzbau ein großer Erfolg – trotz aller Einschränkungen durch die Corona-Vorgaben.

Vor dem eigentlichen Programm wurden unsere Besucher beim Einlass am Morgen mit einem umfangreichen Corona-Programm empfangen: Von Mindestabständen über Selbstauskunft bis Temperaturmessen – aber alle Referenten und Teilnehmer unterzogen sich willig und geduldig diesen notwendigen Maßnahmen.

proHolzBW Geschäftsführer Christoph Jost eröffnete die Veranstaltung mit einem Rückblick auf die Ereignisse dieses turbulenten und herausfordernden Jahres 2020 – von Fridays for Future bis Corona und Klimawandel. Jost: „Klimaneutrales Bauen ist möglich. Und oh Wunder – wir halten die Mittel und Möglichkeiten, die wir für klimaneutrales Bauen brauchen, mit dem Baustoff Holz bereits in der Hand!“ Auch Minister Peter Hauk MdL betonte in seiner Begrüßungsansprache die Bedeutung des Holzbaus für die Erfüllung der Klimaziele des Landes Baden-Württemberg.

Dass Holzbau ökologisch, einfach und schnell bezahlbaren Wohnraum im urbanen Kontext schafft, ist mittlerweile zu den meisten Bauherren vorgedrungen. Ein persönliches Beispiel für eine aufwändige innerstädtische Nachverdichtung stellte Stephan Obermaier von g2o Architekten vor: Das Projekt Olgastraße 66 in Stuttgart wurde als Familienprojekt mit so viel Bestandsmaterial wie möglich und einer sehr hohen Detailtreue realisiert. Sehr beeindruckend war die Vorstellung der Bücherei Kressbronn durch Thomas Steimle von Steimle Architekten, Stuttgart: Ein jahrhundertealtes Stadl verwandelte sich durch behutsame Eingriffe und den Einsatz von Holz als Baumaterial in eine helle, moderne Bücherei mit viel Charme und Wohlfühlatmosphäre.

Thorsten Kober von bauart Konstruktions Lauterbach gewährte ganz kurzweilig ingenieurtechnische Einblicke in die Herausforderungen im Prozess der Bauabnahme für eine innerstädtische Nachverdichtung und Sanierung mit Holz am Beispiel der 7-und 6-geschossigen Wohnanlagen in der Müllerstraße 55A, Berlin. Danach folgte ein Blick über die Landesgrenzen hinaus: Der Beitrag von Prof. Ludger Dederich von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg informierte darüber, wie in Europa nördlich und südlich von Deutschland schon jetzt viel und problemlos mit Holz gebaut wird, und zwar auch mehrgeschossige Holzbauten. Bedenkt man, dass die Brandschutzordnungen der Bundesländer teils noch auf Erfahrungswerten der Bombardierungen und dem darauffolgenden städtischen Flammeninferno im zweiten Weltkrieg basieren, wird klar, wie unzeitgemäß die bestehenden Vorgaben zum Holzbau heute noch sind – auch in Baden-Württemberg, dem Holzbauland Nummer 1.

Können wir uns aus der Klimakrise herausbauen?

Prof. Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung hat in seinem Vortrag diese Frage gestellt. Die Antwort wurde gemeinsam mit den Teilnehmenden der 42. Fachtagung beantwortet – denn das Baumaterial Holz besitzt tatsächlich das größte Potential, um klimaneutral zu bauen. Schellnhuber plädiert daher auch dafür, das „organische Bauen zur Baukultur zu machen“. Setzt sich Holzbauweise bei allen Neubauten und Sanierungen im kommunalen und gewerblichen Bereich stärker durch als wie bisher nur bei Ein- und Zweifamilienhäusern, kann Holzbau durch die hohe Aufnahme von CO2 als eine Art „Reinigungspumpe“ fungieren – und das sogar ex post – auch wenn es für das Eisschild in Grönland wahrscheinlich zu spät ist. Nüchtern kalkuliert, ließen sich allein durch 90 % Holzanteil beim Bauen die prognostizierten 3-4 Grad Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts um etwa 1 Grad reduzieren.  

Tiefe Einblicke in technische Zusammenhänge gewährten die Referenten Klaus Grübnau von der architekturagentur Stuttgart sowie Prof. Schänzlin von der Hochschule Biberach in den Architektur- und Bauingenieur-Seminaren am Nachmittag. Dabei standen die Bewertung bestehender Bausubstanz im Vordergrund sowie die Fokussierung auf klimaneutrales Bauen von der ersten Planung an. Klaus Grübnau: “Es gibt keine Bauaufgabe, die ich mit Holz nicht lösen kann.“ 

Spannender Höhepunkt am Abend war der Vortrag der Referenten Carolin Schaal und Jan Stöcker von Itten+Brühl (CH) in Basel sowie Benno Behrendt von SJB Kempter Fitze in Eschenbach (CH). Ein faszinierender Beitrag über das Hauptquartier von SWATCH in Biel mit beeindruckendem visuellem Begleitmaterial, das die Zuschauer ganz tief in das Projekt eintauchen ließ. Die Vorfertigung der 4.600 Holzträger inklusive Verkabelungen und Leitungen war ein Mammut-Projekt: Die Planer schufen ein Codierungs-System für die eindeutige Identifizierung der einzelnen Bauteile und seiner Eigenschaften. Die Mühe hat sich gelohnt: Die teils zeilenlangen Codes ermöglichten erst die reibungslose Kooperation von Statikern, Planern, Ingenieuren und Architekten während der verschiedenen Bauphasen.

Die Corona-Maßnahmen versagten den Veranstaltern, Referenten und Teilnehmern und Ausstellern leider ein gemütliches Get-Together am Ende des Tages. So trennten sich die Wege der Holzbau-Community und alle verließen die 42. Fachtagung Holzbau mit starken Eindrücken von so vielen herausragenden Vorreiter-Objekten im Holzbau. Es bleibt nur zu sagen: Auf Wiedersehen am 06. Oktober 2021 bei der 43. Fachtagung Holzbau Baden-Württemberg!