03.02.2026
Das Urdorf als Raum für urbanes Kulturerleben.
Das neue Besucherzentrum des Wildparks Pforzheim kurz nach Fertigstellung im Oktober 2025. Foto: Holger Lohrmann
Urdörfer Im Amazonas als Vorbild für das Besucherzentrum
Aus der Vogelperspektive ist die Anlehnung an ein Runddorf gut erkennbar.
Prototypenbau für Wandaufbauten, hergestellt in der Zimmerei Fleck
Wände aus Stamfbeton
Innenhof mit Sitzmöglichkeiten
Details der filigranen Pfosten-Riegel-Fassade
Innenraum mit Gastronomie
Das Besucherzentrum des Wildparks Pforzheim.
Ostfildern, 03. Februar 2026: Beim letzten Werkvortrag am 11. Dezember 2025 drehte sich alles um das Urdorf: Holger Lohrmann von lohrmann architekten in Stuttgart stellte das Besucherzentrum des Wildparks Pforzheim vor – einen archaischen Holzhybridbau, der als kollektiver Erlebnisraum dient. Mit 70 Douglasien aus dem Freiburger Staatswald, Blockwänden und ortsspezifischen Materialien entstand ein zeitgenössischer, nachhaltiger Kulturraum – eine Brücke zwischen Urdorf und urbanem Kulturerlebnis.
„Ein doch nicht ganz alltägliches Projekt“, so begrüßte Joachim Hörrmann von proHolzBW die Teilnehmer des Werkvortrags zum Besucherzentrum des Wildparks Pforzheim. „Es ist ein sehr soziales Konstrukt – der Wildpark funktioniert ohne Eintrittsgelder“, so Lohrmann. Das Projektteam um lohrmann architekten fand im Wildpark eine nicht mehr zeitgemäße Anlage vor, eine Versorgungshütte im einfachen Stil, wie man sie üblicherweise von Freibadanlagen kennt. In einer neuen Idee sollte ein Zentrum wie ein Urdorf entstehen – für kulturellen (Wissens-) Austausch und Interaktion. Eine Konzeptstudie erfasste die auf dem Gelände vorhandenen Materialitäten und Geländeformen wie Bundsandstein und Nadelholz, und so konnte ein neues Konzept mit einer neuen Philosophie für die Planung des Neubaus entwickelt werden. Die Idee dahinter: In Anlehnung an die archaisch anmutenden Wildtiergehege sollte auch der Bereich für die Menschen ebenso ursprünglich sein. Als Vorbild für die Gestaltung dienten daher unter anderem Runddörfer aus dem Amazonas.
Einfache archaische Konstruktion.
Durch das an neolithische Steinkreise angelehnte Tragwerks-Konzept entstand eine Hybridkonstruktion mit Wänden aus Stampf- und Sichtbeton, die mit Blockbauwänden gefüllt wurden. Als Orientierung und Inspiration dienten hier auch die Stampfbetonkapelle von Peter Zumthor und Kirchen in moderner Blockbauoptik. Um das neue Besucherzentrum nach außen hin zu öffnen, wurde das ursprünglich als geschlossener Kreis konzipierte Ensemble an drei Stellen aufgebrochen. So entstanden die drei Hauptgebäude, die aber so stark in Bezug zueinander stehen, dass die ursprünglich angedachte Ringform immer noch kommuniziert wird. Die Pflastersteine im Innenhof wurden aus einem Steinbruch für Bundsandstein in Baden-Württemberg bezogen. Die für das Dach verwendeten Biberschwanzziegeln sind zu 70 % recycelt und teils bis zu 100 Jahre halt.
Wandaufbauten und Fassade.
Statik, Schwindverhalten und Insektenbefall – Blockhäuser stellen an Bauprofis ihre ganz eigenen Herausforderungen. Gemeinsam mit der Zimmerei Fleck wurden Prototypen für die Blockbauwände entwickelt und gebaut. Bei einer Blockwand kann, abhängig von der Witterung, eine Setzung von 8 bis 10 Zentimeter innerhalb eines Jahres entstehen, wenn das Ausgangsmaterial nicht ausreichend getrocknet werden kann. Handelt es sich dabei um ein komplettes Blockhaus, setzt sich einfach alles inklusive Dach – problemlos. Setzt sich nur die Wand, muss eine Lösung gefunden werden. „Daraus entstand die Idee, die Baumstämme in der Mitte durchzusägen und eine mehrschichtige Blockwand aufzubauen, die dann bauphysikalisch ertüchtigt werden kann und das Gleitlager mit ausbildet“, so Lohrmann. Dieser Wandaufbaut hätte auch im Fall eines späteren Schädlingsbefalls Vorteile. Weitere Entwicklungen waren Stampfbetonwände und die Pfosten-Riegel-Fassade mit filigraner Ästhetik. Das Gebäude wurde im Oktober 2025 eingeweiht und konnte bei der Biennale in Venedig präsentiert werden.
Fotos und Abbildungen: Holger Lohrmann
lohrmann architekten
Zimmerei Fleck
Der Holzbau-Donnerstag
Der “Holzbau-Donnerstag” bietet zwei kostenfreie Formate, um Sie mit auf die Reise in den modernen Holzbau und die gebaute Zukunft zu nehmen – der „Werkvortrag“ und „Im Detail“. Der Holzbau-Donnerstag ist eine Veranstaltung von proHolzBW im Auftrag der Holzbau-Offensive BW.