30.09.2026
„Gebäude, die nicht umgenutzt werden können, sind obsolet.“
Die Teilnehmer der Holzbau-Exkursion im Raum Göppingen
Kindergarten im Stadtteil Manzen, Göppingen
Filamentherstellung im Technikum Laubholz in Göppingen
Architekt Matthias Bankwitz erklärt den Wandaufbau im Eisberghaus
Wohnanlage Badwiesen in Kirchheim unter Teck
Wohnanlage Badwiesen in Kirchheim unter Teck
proHolzBW organisiert Rundfahrt zu herausragenden Holzbauobjekten in Göppingen und Kirchheim a.d. Teck.
Ostfildern, 30. September 2026: Bei der letzten Holzbau-Exkursion von proHolz Baden-Württemberg ging es am 23. September ins Filstal in den Raum Göppingen, wo die Teilnehmer den in Holzbauweise errichteten Kindergarten im Ortsteil Manzen besichtigen konnten. Ein weiterer Höhepunkt war ein Besuch beim Technikum Laubholz, wo das Team Einblicke in aktuelle Forschungs- und Entwicklungsprojekte gab und zeigte, welche neuen Möglichkeiten sich für die Nutzung von Laubholz eröffnen. Nach der gemeinsamen Mittagspause ging es weiter nach Kirchheim/Teck zum „Eisbärhaus“, dem Hauptsitz des Architekturbüros Bankwitz, sowie anschliessend zur beeindruckenden Wohnanlage „Badwiesen“.
Die Kita im Ortsteil Manzen wurde für den Bauherren, die Stadt Göppingen, durch das Architekturbüro fai architekten welz+partner und Holzbau Göser GmbH als reiner Holzbau ausgeführt mit einem massiven Kern für das Treppenhaus. Die nach alten Bebauungsplänen genehmigte und gebaute Anlage ist teilunterkellert, entspricht dem KFW 55-Standard und verfügt über Geothermie und Photovoltaik-Installationen auf dem Dach. Das Gebäude besticht mit durchgehender Materialität und Farbkonzept sowie minimaler Technik mit Fußbodenheizung und natürlicher Belüftung. Der Erschließungstrakt liegt nicht zentral, sondern befindet sich im östlichen Gebäudeteil, um die natürlichen Gegebenheiten wie Lichteinfall, Schatten und Belüftung für das schlanke Heiz- und Belüftungskonzept effizient nutzen zu können. Die Tragkonstruktion besteht aus Brettsperrholz, hochwertige Akustikdecken liefern maximale Trittschalldämmung – wichtig für ein Gebäude, das als Kindergarten genutzt wird. Die Anlage verfügt weiterhin über einen großen Mehrzweckraum im Obergeschoß, der auch externen Vereinen zur Verfügung steht und einen traumhaften Blick ins Filstal bietet.
Nächste Station war das Technikum Laubholz mit Sitz in Göppingen. Hier werden innovative und nachhaltige Materialien auf Laubholzbasis erforscht und entwickelt. Durch die Aufschlüsselung von aus Laubholz (und in kleineren Mengen auch aus Nadelholz) gewonnener Cellulose entstehen nachhaltige Faserstoffe und Carbone, welche fossile Materialien ersetzen können. So konnten die Teilnehmer der Exkursion hinter die Tore des Technikums blicken: In einer Nassspinnanlage wird Zellstoff aus Laubholz zu Hochleistungsfilamenten verarbeitet. Diese Fasern bilden die Grundlage für nachhaltige Textilien – von Bekleidung bis hin zu technischen Anwendungen. Auch Carbonfasern auf Holzbasis sind ein High-End-Produkt und bieten hohe Festigkeiten und Stabilität für zahlreiche Anwendungen im Leichtbau für verschiedene Branchen. Mit Hilfe einer KI-gesteuerten Produktionsanlage wird mikrofibrillierte Cellulose (MFC) hergestellt. Durch präzise Steuerung werden spezifische Materialeigenschaften definiert, die passgenau auf industrielle Anwendungen zugeschnitten sind – von hochfesten Leichtbaumaterialien bis hin zu nachhaltigen Verpackungslösungen. So kann der Schritt von der Grundlagenforschung zur industriereifen Anwendung schneller gelingen.
Das Eisbärhaus in Kirchheim unter Teck mit den zwei Gebäudeteilen A und B ist der Hauptsitz des Architekturbüros Bankwitz. Das Gebäude erhielt im Jahr 2019 die Platin DGNB-Zertifizierung mit einem Gesamterfüllungsgrad von 95,6 Prozent, das höchste jemals erzielte Ergebnis für Gebäude im Bestand. Alle im Gebäude eingesetzten Materialien und Baustoffe wurden hinsichtlich ihres Graue Energie-Fußabdruckes geprüft. Für den Holzbau kamen Bäume aus regionalen Wäldern aus Baden-Württemberg zum Einsatz. Der massive, aussteifende Kern in der Mitte des Grundrisses beinhaltet alle Nasszellen sowie Technikbereiche. Alle vertikalen Flächen im Inneren haben eine sägerauhe, unbehandelte Oberfläche aus Weißtanne. Horizontale Flächen wie der Boden sind in Eiche ausgeführt. Die Außenwände des Eisbärhauses bestehen aus vorgefertigten Wandelementen und sind mit einer Holzschalung aus Weißtanne verkleidet. Durch Rohre aktivierte Betondecken dienen als Heiz- bzw. Kühlflächen. Die Wohnungen verfügen über Fußbodenheizungen. Eine reversible Sole-Wasser-Wärmepumpe ermöglicht die Beheizung und Kühlung des Gebäudes, die Lüftungsanlage ist vom Heizsystem entkoppelt. Die Bürotrakte verfügen über flexible Wände, die eine Anpassung an die aktuellen Erfordernisse möglich machen. Architekt Matthias Bankwitz: „Gebäude, die nicht umgenutzt werden können, sind obsolet.“
Den Abschluss der Exkursion bildete die Wohnanlage Badwiesen in Kirchheim unter Teck. Hier handelt es sich um einen Bestandsbau von acht Gebäuden mit insgesamt 196 Wohnungen, die eins nach dem anderen nachverdichtet werden. Je mehr dabei von der Gebäudesubstanz erhalten werden kann, desto mehr Sinn macht eine Nachverdichtung in wirtschaftlicher Hinsicht: Die acht Bestandsgebäude werden modernisiert, energetisch saniert und aufgestockt. Nach Fertigstellung stehen 312 Wohneinheiten zur Verfügung. Die Außenwände werden über vorgefertigte Wandelemente energetisch aufgerüstet. Jede Wohneinheit wird mit einer Fußbodenheizung ausgestattet und brandschutztechnisch auf den aktuellen Stand gebracht. Die Leitungsführung erfolgt über die Außenwände. Die Wohnungsgrundrisse werden modernen Wohnanforderungen angepasst und Balkone angebracht. Die Bestandsgebäude werden durch Aufstockung auf den bisher ungenutzten Dachräumen um ein Geschoss erweitert. Hierdurch werden in der gesamten Wohnanlage 48 zusätzliche Wohnungen bzw. über 3.500 m² mehr Wohnfläche geschaffen. Alles in allem entstehen insgesamt 102 2-Zimmer-Wohnungen, 129 3-Zimmer-Wohnungen und 81 4-Zimmer-Wohnungen. Durch eine zusätzliche Aufweitung der Laubengänge dienen diese nicht mehr nur der Erschließung. Vielmehr entsteht für die Bewohnern zusätzlicher Verweilraum.
Fotos: proHolzBW