12.06.2026 Esther Reinwand

„Die Reversibilität gehört eigentlich zur genetischen Grundausstattung des Holzbaus.“

Kolloquium zu sechs Jahren Gastprofessuren im Rahmen des Holzinnovationsprogramms (HIP) unter dem Dach der Holzbauoffensive Baden-Württemberg

Die Ausstellung präsentierte Arbeitsproben und Positionen aus dem sechsjährigen Förderprogramm

Prof. Jens Ludloff, Institut für Baukontruktion an der Universität Stuttgart

Panel 1 zum Dauerwald

Panel 2 zur Zirkularität

Panel 3 zur Integration von Forschung und Lehre

Moderator Frank Kaltenbach

Ausstellung und Kolloquium: Bilanz nach sechs Jahren Gastprofessuren im Rahmen des Holzinnovationsprogramms (HIP) unter dem Dach der Holzbauoffensive Baden-Württemberg. 


Ostfildern/Stuttgart, 12. Juni 2026. Mit einer Ausstellung und einem Kolloquium wurden in der Universität Stuttgart am 08. und 09. Juni 2026 die Gastprofessoren des HIP-Förderprojekts der Holzbau-Offensive Baden-Württemberg verabschiedet. Die drei jeweils doppelt besetzten Professuren hatten die Wertschöpfungskette Holzbau ganz im Blick – vom Dauerwald über reversible Verbindungen im Holzbau und kreislaufgerechtem Bauen mit Holz bis hin zur Integration von Lehre und Praxis.

„Wie wird sich der Baustoff Holz in den nächsten 50 Jahren verändern?“
Das Kolloquium zog nach sechs Jahren Förderperiode der Holzbauoffensive Baden-Württemberg im Rahmen des Holzinnovationsprogramms (HIP) Bilanz und richtete den Blick auf Lehre und Forschung im Spannungsfeld von Waldumbau und Zirkularität. Frank Kaltenbach (Architekt und Redakteur für DETAIL) moderierte die Veranstaltung, Prof. Jens Ludloff (Institut für Baukonstruktion, Universität Stuttgart IBK) eröffnete das Kolloquium mit einem Grußwort. „Wie bauen wir in 50 Jahren? Wie werden dann unsere Baustoffe und -Produkte aussehen?“, so Ludloff – denn wenn wir nachhaltig bauen, bauen wir auch mit dem Blick in die Zukunft. An die Impulsvorträge schlossen sich die Panels an, in denen die Themen Wiederverwendbarkeit im Holzbau, reversible Holz-Holz-Verbindungen und weitere Innovationen im Holzbau intensiv diskutiert wurden.

„Der Dauerwald – Rückzugsort oder Ware?“
Dipl.-Ing. Simon Jüttner stellte in seinem Impuls den „Dauerwald“ aus der Perspektive des Waldumbaus vor. Der Begriff Dauerwald stammt von Alfred Möller aus dem Jahr 1922 und ist Beispiel für die umfassende wirtschaftliche Nutzung, aber auch Pflege des Waldes durch den Menschen, die sich an der „Stetigkeit des Waldwesens als lebendem Organismus“ (Möller) orientiert.  „Auch früher wurde immer schon der ganze Baum verarbeitet“, so Simon Jüttner. Während das Stammholz für Bauaufgaben verwendet wurde, so lieferten Äste und Laub Material zum Schüren oder als Tierfutter. Der Wald wurde gepflegt, um ihn dauerhaft zu erhalten. Dauerwald bedeutet mehr Biodiversität, weniger Wildverbiss aufgrund der Waldstruktur und ein besseres Mikroklima. Neben den ökologischen Vorteilen überwiegen schlicht die wirtschaftlichen Gesichtspunkte: Der Dauerwald ist klimaresilienter und damit besser geschützt vor Sturm- und Käferschäden. Jüttner: „Ist der Wald ein Rückzugsort oder eine Ware?“ Der Wandel von der Monokultur zum ungleichaltrigen, diversen Mischwald zeigt, dass ein biodiverses Ökosystem und eine produktive Forstwirtschaft Hand in Hand gehen können. Im ersten Panel wurden die Herausforderungen und Chancen des Waldumbaus diskutiert – welche neuen Konstruktionsformen antworten auf das veränderte Holzaufkommen mit dem Umbau zum biodiversen Mischwald? Während Laubholz in Form von Nischenprodukten immer mehr Eingang in den konstruktiven Holzbau findet, ist die „Einführung von neuen Baustoffen in der Breite nach wie vor schwierig“, so Dipl.-Ing. Farid Scharabi. M. Sc. Simon Mönch: „Die Zukunft wird ein Kompromiss sein, bei dem Laub- und Nadelhölzer, je nach ihren Vorteilen und Eigenschaften, sortiert und in sicheren Bauprodukten eingesetzt werden können.“ Die technologische Brücke hierfür schlägt die Digitalisierung: Digitale Abbilder von Waldhabitaten ermöglichen es heute, regionale Ressourcen maßgeschneidert und präzise für neue Produkte und Anwendungen zu aktivieren.

„Die Reversibilität gehört eigentlich zur genetischen Grundausstattung des Holzbaus.“
Dipl.-Ing. Farid Scharabi präsentierte den zweiten Impuls zum Thema reversible Verbindungen – einer Grundvoraussetzung, um im Holzbau zirkulär bauen zu können. Scharabi: Verbindungen, egal aus welchem Material oder Materialkombinationen, müssen so aufgebaut sein, dass sie für eine spätere Nach- und Umnutzung oder einen Rückbau wieder getrennt werden können. Auch eine lückenlose und umfangreiche Dokumentation über die verwendeten Materialitäten muss vorhanden sein – sonst ist ein späterer Rückbau oder eine Umnutzung nicht möglich. Scharabi: „Hier haben wir es nicht nur mit einer technischen, sondern viel mehr mit einer kulturellen Herausforderung zu tun“. Bedeutet, neue Produkte müssen nicht nur rein technisch funktionieren, sondern auch durch ihre Handhabung und Ästhetik Bauherrn, Planer und Holzbauexperten überzeugen – sonst findet keine Verbreitung im Markt statt. Scharabi: „Das Wissen ist da. Der Transfer in die Praxis verläuft nur zögerlich.“ Planungsprozesse, Infrastruktur oder Haftung müssen neu gedacht werden, damit Gebäude als Rohstoff-Depots dienen können. Auch Dr.-Ing. Thomas Ehrhart betonte, wie wichtig beim zirkulären Bauen die Dokumentation ist und der Einsatz von einfachen, gleichen und seriell hergestellten Bauteilen. Dabei erachtet Ehrhart einen systematischen und grenzüberschreitenden Ansatz als sinnvoll: „Dokumentationspflichten sollten nicht in privater Hand liegen, sondern auf Landes- oder EU-Ebene verwaltet werden“.  Im Panel wurden auch verwendete Begrifflichkeiten wie „Geber-“ und „Empfängergebäude“ diskutiert – hier wäre der Einsatz von ansprechenderen und positiveren Bezeichnungen sicher sinnvoll. „Wir wollen uns in der Technik retten“, so Dipl.-Ing. Søren Linhart. Aber es ist eben nicht nur die technische Lösung, auf die es ankommt, sondern auch die Baukultur und das Miteinander. Kreislaufgerechtes Bauen funktioniert, wenn alle Beteiligten an einem Strick ziehen und auf das gleiche Ziel hinarbeiten.

Ist weniger vielleicht mehr?
Prof. Dipl.-Ing. Markus Lager stellte verschiedene Projekte aus seiner Professur vor, unter anderem die „Circulated Finnish Sauna“, ein langfristiges DesignBuild-Projekt des Instituts SPENI an der Fachhochschule Erfurt. Die Sauna wird in jedem Semester bzw. für bestimmte Zwecke aufgebaut und wieder zerlegt – mit denselben Materialien, aber mit neuem Konzept und Design, also ein durchgehender DesignBuild-Prozess vom Rückbau bis zur Wiedererrichtung. Vor dem nächsten Aufbau werden Materialien und Konstruktion für den neuen Einsatz überprüft. Des Weiteren stellte Lager Projekte im Bereich der innovativen Holz-Holz-Verbindungen vor. Im Panel zum dritten Themenblock wurden die großen Fragen aufgegriffen und diskutiert – zum Beispiel, welche Maßstäbe im innovativen Holzbau und dem kreislaufgerechten Bauen überhaupt angesetzt werden sollen. Ist manchmal, wie beim Gebäudetyp E, weniger mehr? Die Gastprofessoren sind sich einig, dass es in machen Bereichen sinnvoll sein kann, wieder einfacher zu bauen –mit weniger komplexen Lösungen, die vielleicht nicht in der Breite anwendbar sind. Wie schon mehrfach zur Sprache kam während des Kolloquiums, ist die Verbreitung von neuen Bauteilen und innovativen Produkten in die Masse ein nach wie vor zäher Prozess. Auch die anwesenden Studenten gaben ihr Feedback zu den Themen und Vorlesungen, und es wurde deutlich, dass auch die Nachwuchsgeneration von ArchitektInnen und IngenieurInnen ähnliche Gedanken hat – die Integration von Lehre und Forschung in die gelebte Praxis wird als eine Herausforderung empfunden, die auch kommende Generationen von Planern und Architekten noch begleiten wird. Umso wichtiger sind Leuchtturmprojekte, Lehre, Forschung und Förderprogramme wie die vom HIP-Programm getragenen Gastprofessuren – sie tragen dazu bei, diesen Prozess zu unterstützen und zu beschleunigen.

Gastgebende Institute:
IBK/
Prof. Jens Ludloff,
ITKE/Prof. Dr.-Ing. Jan Knippers

Die 5 Forschungstandems von 2020 – 2026
Prof. Dipl.-Ing. Markus Lager & Dr.-Ing. Jochen Stahl
Dipl.-Ing. Farid Scharabi & Dr.-Ing. Jochen Stahl
Dipl.-Ing. Søren Linhart & Dr.-Ing. Thomas Ehrhart
Dr.-Ing. Sonja Geier & M. Sc. Simon Mönch
Dipl.-Ing. Simon Jüttner & M. Sc. Jana Nowak

Link zum Institut an der Universität Stuttgart

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