28.04.2026 Esther Reinwand

Holzbau für Geflüchtete = flexibler und nachhaltiger Wohnungsbau für die Zukunft?

Das D4 in Freiburg: ein Multifunktionsgebäude mit gemischter Nutzung. Visualisierung: Weissenrieder Architekten

Klaus Grübnau, architekturagentur

Sebastian Gauger, AH Aktiv Haus GmbH, Stuttgart

Prof. Jochen Weissenrieder, Weissenrieder Architekten BDA

Florian Eitel, SCHLOSSER plan.PROJEKT GmbH & Co. KG

Karsten Kayser, Menold Bezler Rechtsanwälte Steuerberater Wirtschaftsprüfern Partnerschaft mbB

Holzbau macht flexibles und schnelles Bauen möglich – für nachhaltige und wirtschaftliche Wohnquartiere.

Ostfildern, 28. April 2026: Bei der vierten Veranstaltung „Holzbau für Flüchtlingsunterkünfte“ stellten Experten wieder zahlreiche Beispiele für das Bauen flexibler Wohnquartiere in Holzbauweise vor. Kommunen haben nach wie vor Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für Geflüchtete. Gebäude in Holzbauweise bieten hierfür besonders geeignete Lösungen – schnell, flexibel und nachhaltig. Wo und wie lassen sich zusätzliche Kapazitäten schaffen und für wie lange? Welche vergaberechtlichen Rahmenbedingungen sind dabei zu beachten? Unsere Referenten beleuchteten alle aktuell wichtigen Teilaspekte.

„Die Wohnungen müssen jetzt für Flüchtlinge funktionieren und später als normale Wohnungen nutzbar sein“
Ute Jaschinski von der GWG Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau Tübingen mbH stellte mehrere Projekte der GWG Tübingen vor. Die GmbH mit städtischer Beteiligung, die die Wohnungsversorgung breiter Schichten zum Auftrag hat. Das Ziel der GWG ist die Dekarbonisierung beim Bauen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. So wurden schon bei frühen Projekten wie Europastrasse und Sidlerstrasse in Tübingen Holzmodule eingesetzt: „Eine Wohnung besteht aus drei Modulen“, so Jaschinski. Die Referentin stellte zahlreiche spannende Projekte vor – mit flexiblen Grundrissen und gemischter Nutzung, die alle in Holzmodulbauweise umgesetzt wurden und sich im Lauf der Zeit flexibel den Wohnbedürfnissen der Bewohner anpassen können: „Die Wohnungen müssen jetzt für Flüchtlinge funktionieren und später als normale Wohnungen nutzbar sein“, so Jaschinski. Je nach Anforderungen haben reiner Holzbau, Holzmodule oder Holzbau mit Betondecken Vor- und Nachteile beim Einsatz von Flüchtlingsunterkünften, die es abzuwägen gilt.

„Wir müssen eigentlich für die Zukunft bauen, und nicht für die Gegenwart“
Zum Einstieg vom Beitrag von Klaus Grübnau von der architekturagentur in Stuttgart erlebten die Teilnehmer einen kurzen historischen Rückblick: „Das Thema ist eigentlich viel älter – mit Blick auf die 50er Jahre“. Beim Wohnprojekt in Kornwestheim zum Beispiel wurden durch serielles Sanieren typische Riegelgebäude aus der Nachkriegszeit für Flüchtlinge und generell gemischte Wohnquartiere umgebaut und modernisiert. Die Planer der architekturagentur haben 2015, als der Bedarf für schnell errichteten Wohnbau groß war, das Konzept einer Zellenstruktur entwickelt, das je nach Bedarf hin zum Standardwohnraum und bis hin zum nachhaltigen, CO2-neutralen Stadtteil weiterentwickelt werden kann. Die Basisstruktur ist so konzipiert, dass aus einer Flüchtlingswohnung – nur durch das Entnehmen von Wänden – Wohnungen für mehrere Personen, Familien oder gemischte Nutzung entstehen können. So kann auch hier das Konzept einer späteren Umnutzung leicht realisiert werden.  

Holz-Architektur im System.
Sebastian Gauger von AH Aktiv-Haus GmbH in Stuttgart präsentierte den Einsatz von Holzmodulbau bei der Errichtung von Anschluss-Unterbringungen: Die vorgestellte Siedlung in Winnenden besteht aus genau zwei Modultypen, die sich zu unterschiedlichen Gebäuden kombinieren lassen. Gauger: „Die größte Herausforderung ist nicht der Bau, sondern die Nachnutzung.“ Die mit mehreren Preisen ausgezeichnete Siedlung wurde 2018 erweitert. Nachfolgeprojekte wie in Kernen 2020 wurden gleich zu Beginn als normale geförderte Wohnungen mit 36 Wohneinheiten geplant, realisiert und teilunterkellert. Gauger: „Die Modulmaße müssen für eine spätere Umnutzung geeignet sein“, nur ein Teil dient der Unterbringung von Geflüchteten. Gauger: „In den bisherigen Projekten hat sich gezeigt, dass das System auch für klassische Wohnungen funktioniert“. Der nächste logische Schritt war die Übertragung auf einen größeren Maßstab: Ein Projekt in Potsdam 2024 diente ebenfalls zur Unterbringung von Geflüchteten, allerdings in einem urbanen Kontext. Die Schaffung von gefördertem Wohnraum wurde gleich von Beginn an mit geplant.

Wohnheime in Holzmodulbauweise.
Weissenrieder Architekten BDA in Freiburg im Breisgau planten 2015 die ersten Wohnheime in Holzmodulbauweise aus lokalem Holz für die Stadt Freiburg. Prof. Weissenrieder: „Die Wertschöpfung ist in der Region geblieben durch die Beteiligung ausschließlich regionaler Firmen“. So entstanden inklusive Planung und Bauzeit zwischen Oktober 2015 und Juli 2016 drei Unterkünfte für insgesamt 700 Personen. Doch schon damals dachte man an eine spätere mögliche Umnutzung: Als 2023 der Bedarf für Wohnraum für Geflüchtete zurückging, konnte ein Teil der Anlage problemlos in eine Kita umgewandelt werden, unter anderem durch vorher schon höher geplante Raumhöhen. Das aktuelle Projekt D4 in Freiburg ist ein Güterbahnhofareal, das zu einem gemischten Wohn- und Dienstleistungsquartier umgebaut werden soll. Das Multifunktionsgebäude mit Quartiersraum, Jugendtreff, Wohnen für Geflüchtete, Sportplatz und Gemeinschaftsfläche auf dem Dach soll eine Anlaufstelle für möglichst viele Menschen im Quartier werden. Das Gebäude ist ab dem Erdgeschoß als reiner Holzbau mit tragenden Wänden in Holzrahmenbauweise konzipiert.

„Gebäude müssen systemischer und fertigungsorientierter Planung unterliegen.“
Florian Eitel von SCHLOSSER plan.PROJEKT GmbH & Co. KG in Jagstzell fasste die wichtigsten Grundlagen für einen effizienten, schnellen und flexiblen Holzbau zusammen – von der frühzeitigen Planung und Einbeziehung aller am Projekt Beteiligter bis hin zur Planungskooperation im 3D-Modell und der Wahl der richtigen Holzbauweise. Das „Mehrnationenhaus“ von Schlosser in Oberkochen ist ein typisches Beispiel für eine gemischte Nutzung – ein Wohnquartier für Forscher und Geflüchtete – systemisch geplant und konstruiert für spätere Um- bzw. Nachnutzungen. Auch das LIAS-Quartier in Aalen oder eine Wohnbebauung in Wangen zeigen auf, dass die richtige Wahl der Systembauweise nicht nur für die Nachnutzung, sondern auch für nachhaltiges und wirtschaftliches Bauen entscheidend sein kann: In den Auwiesen in Wangen konnten durch die Wahl einer Holzrahmenkonstruktion statt dem Einsatz von Brettsperrholz insgesamt 853 m3 Holz, das sind 18 Einfamilienhäuser, eingespart werden. Auch beim LIAS-Quartier wurde ein Holzbau-optimiertes Systemraster verwendet. Eitel: „Anhand von Projekten wie dem Mehrnationenhaus zeigt sich deutlich, wie groß die Potentiale unter Berücksichtigung des richtigen integralen und systematisierten Prozesses sind“.

Holzbauten rechtssicher ausschreiben und vergeben.
Holzbauleistungen für schnell beziehbare und flexible Wohnquartiere müssen vor der Umsetzung erst einmal ausgeschrieben werden – sowohl für die Planung als auch für den Bau. Karsten Kayser von Menold Bezler Rechtsanwälte Steuerberater Wirtschaftsprüfern Partnerschaft mbB in Stuttgart gab den Teilnehmern einen Überblick über die wichtigsten Kriterien bei der Beschaffung von Holzbau. Zu den Stellschrauben gehören unter anderem die Leistungsbeschreibung, in der der Auftraggeber definiert, was er haben möchte. Dr. Kyser: „Die bauliche Umsetzung in Holz- /Holzhybridbauweise kann hier abgebildet werden“. Bei den Zuschlagskriterien können zum Beispiel Nachhaltigkeit und Energieverbrauch als solche genannt werden, der Holzbau kann aber auch im Kriterium „Architektur“ direkt abgebildet werden. Wichtig ist auch, die richtige Ausschreibungsvariante zu finden, also zum Beispiel Losvergabe oder die Totalunternehmervergabe.

Bei allen Beiträgen zum Thema „Holzbau für Flüchtlingsunterkünfte“ zeigt sich deutlich, dass Wohnraum für Geflüchtete nicht kurzfristig geplant und gebaut werden sollte für den unmittelbaren Bedarf, sondern mit Blick auf die spätere Nutzung. Und dabei stellen die Grundrisse, Module und Konzepte dieser Wohnquartiere Elemente dar, die generell für das Wohnen der Zukunft mehr als geeignet sind, indem sie die wichtigsten Kriterien an das moderne Bauen erfüllen – Nachhaltigkeit, kurze Bauzeiten, Flexibilität in der Um- und Nachnutzung und gleichzeitig wirtschaftliche Umsetzbarkeit. Diese Konzepte gilt es weiterzudenken, in der Praxis zu erproben und weiter zu optimieren.

Holzbau für Flüchtlingsunterkünfte ist eine gemeinsame Veranstaltung von Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg, Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg und proHolz Baden-Württemberg GmbH.

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